Regina Rusch: Zappelhannes

Regina Rusch: ZappelhannesHannes ist nicht dumm, im Gegenteil. Aber er kann nicht stillsitzen. Er kann sich nur dann konzentrieren, wenn ihn nichts ablenkt und er ganz bei der Sache bleiben darf. Und es fällt ihm auch sehr schwer, unterschiedliche Tätigkeiten aufeinander abzustimmen: zu leicht rollt ihm dann ein Ei vom Tisch, oder er fällt mit dem Fahrrad um. Die Eltern und die anderen Erwachsenen haben es nicht leicht mit einem hyperaktiven Kind. Sie müssen viel Geduld mit Hannes haben. Und doch kann man bei aller Sorge um Hannes mit ihm über seine Mißgeschicke lachen.

Erzählung ab 9 Jahre Beltz & Gelberg 2. Auflage 2001, Gulliver TB Nr. 274 ISBN 3-407-78274-8

 

Leseprobe:

Der Motor des Autos heult auf.

"Hannes!", ruft Mama warnend. Das Auto fährt ziemlich schnell.

"Pass auf, Hannes!", schreit Mama. Zu spät. Polternd fällt der Stuhl um. Hannes liegt am Boden und reibt sein rechtes Knie.

"Hast du dir weh getan?", fragt Mama. Hannes reibt stärker übers Knie. Er schnieft ein wenig, schluckt, dann rappelt er sich auf.

"Brrmmm", macht er. Hannes ist ein Rennauto. Sechs Zylinder, 590 PS, 340 Stundenkilometer.

"Zeig mal her", sagt Mama.

"Brrmmm brmmmmmmmm", macht Hannes und schüttelt den Kopf.

"Fahr langsamer, du Rennfahrer", mahnt Mama und setzt sich wieder an den Arbeitstisch. Hannes lässt den Motor heulen. Schnellstart, volle Fahrt voraus. Seine linke Hand greift das Steuerrad, die rechte den Schalthebel. Zwischen Sofa und Couchtisch führt die Rennstrecke hindurch. Hinterm Sessel beginnt die gefürchtete Linkskurve. Hannes reißt das Steuer nach links und beugt sich zur Seite. Ein schneller Blick nach hinten. Noch liegt er vorn. Die Verfolger holen auf. Hannes gibt Gas.

Gleich hat er gesiegt.

Doch da passiert es.

Ein Teppichvorleger liegt mitten auf der Fahrbahn. Der Rennwagen schleudert. Er schlittert mit voller Wucht gegen die seitlich aufgetürmten Strohballen. Ein Schrei geht durch die Zuschauermenge: "Hannes!"

Es ist Mama, die ruft. Sie springt von ihrem Stuhl auf und beugt sich über Hannes.

"Hannes", sagt sie fragend. Hannes kichert leise. Er gräbt sich tiefer in den Strohballen-Berg aus Sofakissen und Wolldecken.

Das war schön!

Mitten aus dem Laufen in die Kissen stürzen. Zu fallen, ohne sich weh zu tun.

"Hast du mir einen Schreck eingejagt", sagt Mama und drückt ihm ein dickes Plüschkissen auf den Bauch. Hannes brummt wohlig.

"Bist du gestolpert oder mit Absicht aus der Kurve geflogen?", fragt Mama. Als Antwort kommt nur ein immer lauter werdendes "Brrmm brrmmmmm." Hannes steht auf, macht sich startklar und flitzt los.

Zwischen Sofa und Couchtisch durch, um den Sessel herum, ein Satz über den Teppichvorleger, hinein in den Strohballen-Kissenhaufen. Einmal kurz wühlen, schon springt Hannes wieder auf und beginnt das Rennen von neuem.

Sofa, Sessel, Kurve, hinwerfen.

Sofa, Sessel, Kurve, hinwerfen.

Der Motorlärm schwillt an.

"Hör auf, Hannes", sagt Mama. Sie hockt immer noch neben den Kissen. Aber Hannes kann nicht genug kriegen.

Sofa, Sessel, Kurve, hinwerfen.

Sofa, Sessel, Kurve, hinwerfen.

Jetzt ächzt der Motor nur noch.

Sofa, Sessel, Kurve – diesmal fängt Mama Hannes auf. Sie umfasst ihn mit beiden Armen und hält ihn fest.

"Es reicht, Hannes", sagt sie energisch. Hannes schnappt nach Luft.

"Brrmm", macht er noch einmal, aber es klingt ziemlich schlapp. Hannes lehnt sich in Mamas Armen zurück.

"Mama", japst er, "Mama, das macht Spaß." Hannes ist verschwitzt. Seine Haare kleben in dünnen Strähnen an der Stirn und im Nacken.

"Willst du auch mal?", fragt Hannes und versucht, aus Mamas Armen frei zu kommen.

Pressestimmen:

"Regina Rusch ist die schwierige Aufgabe gelungen, die hektische Motorik des 'Zappelhannes' sprachlich adäquat wiederzugeben. Hannes' Gedankensprünge, seine fahrigen Gesten und die Kette seiner Mißgeschicke werden eher nachvollzogen als geschildert. Der Leser erhält einen authentischen Eindruck von seiner drängenden Unrast und erlebt die unwillige Reaktion der Umgebung an sich selbst. Daher gerät Regina Ruschs Buch nicht zur bloßen Informationsprosa, sondern bleibt Literatur."
Professor Birgit Dankert in DIE ZEIT

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