Eine Geschichte über Gewalt in der Schule
Timo und seine Klassenkameraden sind zwar keine Engel, aber meistens halten sie sich an die Regeln. Doch dann kommt Artur. Der schlägt zu, wenn ihm was nicht passt – und bald hat er es auf Timo abgesehen. Timo fühlt sich hilflos und allein gelassen. Bis er begreift, dass er selbst Artur Grenzen setzen muss...
Hinweis
Zu diesem Buch liegt eine Unterrichts-Erarbeitung vor, die man beim Verlag herunterladen kann (.pdf-Datei, öffnet neues Fenster).
Ab 9 Jahren,
Omnibus Taschenbuch (Randomhouse)
2007, 192 Seiten,
mit s/w Illustrationen, 5,95 €
ISBN: 978-3-570-21824-2
Natürlich war Stuhlkippeln verboten. Timo tat es aber trotzdem. Er hielt sich an der Tischkante fest und lehnte sich nach hinten. Jetzt nach vorn, wieder nach hinten, noch weiter. Er mochte dieses Schaukeln, weil es so schön im Bauch kitzelte. Und weil es etwas Unerlaubtes war. Nichts wirklich Schlimmes, aber doch etwas, das Frau Völker missbilligte. Bestimmt würde sie ihn gleich ermahnen aufzuhören.
Timo beobachtete seine Klassenlehrerin aus dem Augenwinkel. Bemerkt hatte sie es sicher längst. Warum sagte sie nichts? Timo drückte die Stuhllehne mit seinem Rücken noch weiter nach hinten.
In diesem Augenblick flog die Tür des Klassenzimmers auf. Ein Junge von großer, kräftiger Statur preschte herein, gefolgt von Frau Dr. Elkenbach, der Schulleiterin. Timos Stuhl hatte den Scheitelpunkt des Gleichgewichts überschritten, er rutschte weg, knallte auf den Boden und Timo mit ihm – dem Großen direkt vor die Füße.
"Hi." Das breite Grinsen, das diesen kurzen Ausspruch begleitete, schien Ewigkeiten zu dauern. Timo verbiss sich den Schmerz, der seinen linken Ellenbogen durchzog, und versuchte dem Grinsen in dem Gesicht über ihm zu entkommen. Ausgerechnet vor diesem Koloss lag er am Boden! Timo schnaubte kurz, rappelte sich auf und setzte sich wortlos
auf seinen Stuhl, den Basti inzwischen wieder aufgestellt hatte.
"Das wäre doch wirklich nicht nötig gewesen", sagte der Große und legte seinen Kopf gönnerhaft zur Seite. Er hörte nicht auf so angeberisch zu grinsen.
Jetzt räusperte sich Frau Dr. Elkenbach. Sie setzte das Lächeln auf, das sie immer über ihr Gesicht legte, wenn sie eine unangenehme Sache zu klären hatte. Frau Völker blickte abwechselnd auf sie und auf den großen Jungen.
"Ich bringe einen neuen Schüler", erklärte Frau Dr. Elkenbach. Timo zuckte zusammen. Ausgerechnet der sollte in diese Klasse? Der Riesenkerl? Der war doch bestimmt schon fast dreizehn und nicht elf oder zwölf wie die anderen.
Auch in Frau Völkers Gesicht arbeitete es. Timo konnte genau sehen, wie sie herunterschluckte, was sie vermutlich am liebsten gesagt hätte: Nicht noch ein neuer Schüler! In der Klasse sind doch schon über dreißig Kinder! Aber natürlich konnte sie das nicht sagen, jedenfalls nicht vor einem Kind, das gerade neu in die Klasse gekommen war. Also sagte sie nur "Aha" und "Schön" und dann "Wie heißt du denn?". Frau Dr. Elkenbach legte eine Hand auf die Schulter des Jungen. "Das ist Anton", sagte sie, "und er kommt aus..."
"Artur", brüllte der Grinser los. Er schüttelte ihre Hand ab und pflanzte sich fast drohend vor der Schulleiterin auf. "Mein Name ist Artur!" Einigen rutschte ein Lachen heraus. Es war irgendwie komisch, wie der Koloss, der Artur hieß, Frau Dr. Elkenbach angiftete. "Nun gut, also Artur", sagte Frau Dr. Elkenbach, deren Lächel-Gesicht nichts von dem erkennen ließ, was sie wirklich dachte.
"Artuuuuuro", rief plötzlich jemand von hinten in den Raum. Alle fingen an zu kichern. Das Kichern wurde immer lauter und alberner und keiner wusste so genau, was eigentlich witzig daran war. Artur jedoch stellte sich in Pose, als würde er auf einer Bühne stehen, vor sich lauter Bewunderer. Er drehte sich wie in Zeitlupe um sich selbst und blieb schließlich in Siegerpose mit hoch erhobenen Armen vor der Klasse stehen.
"Cool, der Typ", flüsterte Timo Basti zu. "Ein Angeber, aber..." Er suchte nach einem passenden Wort, fand aber keins außer "Cool!"
Artur wandte sich zu Frau Völker, streckte ihr die Hand entgegen und sagte strahlend: "Herzlichen Glückwunsch!"
"Glückwunsch?", fragte Frau Völker zurück. Sie schüttelte irritiert den Kopf.
"Ja klar. Weil Sie mich jetzt in Ihrer Klasse haben", sagte Artur völlig ernst. Bevor Frau Völker darauf eingehen konnte, drückte ihr nun auch Frau Dr. Elkenbach die Hand und legte ein zusammengefaltetes Blatt Papier aufs Lehrerpult. "Ich sehe, Sie kommen klar", meinte sie mit leicht spöttischem Lächeln. Dann verließ sie das Klassenzimmer.
Artur verbeugte sich hinter ihr, übertrieben tief und wieder mit dem breiten Grinsen im Gesicht. "Arrivederci, scema mucca", sagte er leise. Giovanna in der letzten Reihe presste ihre Hand auf den Mund und Marco prustete vor Lachen.
"Was hast du gesagt?", fragte Frau Völker.
Artur blickte sie unschuldig an. "Ich?", fragte er.
Frau Völker wurde ungeduldig. "Ja, du! Was hast du eben gesagt, als Frau Dr. Elkenbach aus der Klasse ging?"
Artur antwortete nicht. Er blickte sich um, als suche er einen freien Platz und da er auf Anhieb keinen fand, setzte er sich direkt vor Timo und Basti auf deren Tisch.
"Das geht so nicht", sagte Frau Völker und versuchte ihn wegzuziehen. Artur lächelte. "Doch, das geht. Der hier mag mich nämlich." Er drehte sich zu Timo um. "Er lag mir doch schon zu Füßen."
In diesem Augenblick wusste Timo, dass von nun an nichts mehr so sein würde wie vorher. Er war sich nur noch nicht ganz sicher, ob das Neue gut und aufregend sein würde oder eher..., ja wie? Er sog hörbar die Luft durch die Nase ein, ...oder eher das Gegenteil.
"Der macht mir Angst", flüsterte Basti hinter vorgehaltener Hand. In diesem Augenblick drehte Artur sich um.