
Johanna leidet unter der Lieblosigkeit und Gewalttätigkeit in ihrer Umgebung. Sie bleibt aber sprachlos und untätig, weil sie keine Ansprechpartner hat. Da kommt die tatkräftige, lebensfrohe Elsie in ihre Klasse, und die beiden werden Freundinnen. Gemeinsam und mit Unterstützung von Elsies Mutter mischen sie sich ein, wehren sich. Ein Buch, das schon jungen Lesern die Bedeutung von Solidarität beim Umgang mit Gewalt deutlich macht.
Hinweis: Zu diesem Buch liegt eine Unterrichts-Erarbeitung vor, die man aus dem Internet herunterladen kann: www.arena-verlag.de/pdf/1828.pdf (.pdf-Datei, öffnet neues Fenster).
Erzählung ab 9 Jahre, Arena Taschenbuch Nr. 1828, 9. Auflage 2005 ISBN 3-401-01828-0
Die Pause geht vorüber, ohne dass etwas passiert. Der Musikunterricht beginnt ohne das sonst übliche Chaos beim Instrumente-Verteilen, denn heute möchte Frau Haderer nur mit den Kindern singen. Jeder soll ein Lied vorstellen, auch wenn es in einer fremden Sprache oder ein Pop-Song ist. Susi ist so begeistert, dass sie als erste das Lied vom "Hasen Augustin" vorsingen will. Sie steht auf, stellt sich in Positur und räuspert sich.
"Es war einmal eine Hase", singt sie, aber weiter kommt sie nicht. Denn plötzlich passiert doch etwas. Etwas so Wunderbares, dass Johanna minutenlang nicht weiß, ob sie wach ist oder ob sie träumt.
Zunächst geht einfach nur die Tür des Klassenzimmers auf. Dann kommt Frau Stanislawski, die Schulleiterin, herein. Und hinter ihr kommt noch jemand ins Klassenzimmer. Nicht irgend jemand, sondern eine stämmige kleine Person mit unglaublich roten Haaren, unglaublich vielen Sommersprossen und einem selbstbewussten Lachen im Gesicht. Johanna, die gerade ihr Nase putzen wollte, lässt das Taschentuch sinken und starrt das Mädchen an.
Das ist doch..., denkt sie und traut sich nicht, den Gedanken zu Ende zu denken. Rote Haare, Sommersprossen, das Lachen..., denkt Johanna, das ist...
"Das ist Elsie", sagt Frau Stanislawski. Nein, nein, denkt Johanna, das ist Pippi, ohne Zweifel, das ist Pippi Langstrumpf. "Elsie gehört jetzt zu eurer Klasse", sagt Frau Stanislawski, "sie ist erst vor kurzem hierher gezogen."
Johanna reibt mit dem Taschentuch an ihrer Nase herum, um ihre Aufregung zu verbergen. Na gut, Elsie hat keine Zöpfe und keine Ringelstrümpfe, aber trotzdem. Elsie sieht sehr munter aus. Wenn sie lacht, hüpfen die Sommersprossen über ihre hochgezogene Nase und die runden Backen.
"Tach", sagt sie, "wenn ich die Neue bin, seid ihr also die Alten." Einige lachen.
Johanna lacht auch. Sie ist wie gebannt, als wäre Elsie eine Phantasie-Erscheinung.
Alexander und Martin lachen nicht. Sie tuscheln, sie kichern, erst leise, dann lauter. Als Frau Haderer
sie bittet still zu sein, prustet Martin los: "Die hat ja Scheiße-Spritzer im Gesicht!" Jetzt
fallen auch andere in das Gelächter ein. Doch Elsie scheint sich überhaupt nicht darüber
zu ärgern. Sie baut sich vor Martin auf und strahlt ihn an. Und dann sagt sie sehr laut und sehr
deutlich und mit feinem Spott in der Stimme: "Besser, als Stroh im Kopf." Jetzt hat Elsie
die Lacher auf ihrer Seite.
Martin guckt ziemlich blöd, erstens, weil er länger als die anderen gebraucht hat, bis er verstanden hat, und zweitens, weil er nicht gewohnt ist, dass ihm jemand Kontra gibt. Erst recht nicht ein Mädchen.
Toll, denkt Johanna und lächelt. Sie kann gar nicht aufhören zu lächeln. Und plötzlich springt das Lächeln von ihren Lippen in sie hinein. Ganz breit macht es sich in ihr. Wohlig und warm fühlt es sich an. Und als sich die Blicke von Johanna und Elsie treffen, da guckt Johanna nicht wie sonst schnell woanders hin, sondern blickt dieser Elsie direkt in ihre hellblauen Augen. Die hellblauen Augen blicken zurück, Elsie sieht Johanna lange an. Nicht mit diesem etwas spöttischen Lächeln wie eben bei Martin, sondern mit einem Ausdruck der Vertrautheit, der Johanna froh macht.
"Wo kann die neue Schülerin sitzen?" fragt Frau Stanislawski. Es gibt zwei freie Plätze in der Klasse, einer ist vorn neben Martin und einer ist hinten neben Susi. Und dann ist noch der Platz neben Johanna leer. Aber das ist Ljubicas Stuhl und die kommt morgen oder übermorgen wieder. Ach, wenn Ljubica doch woanders sitzen könnte! Johanna würde Elsie so gern neben sich haben.
"Möchtest du hier vorn neben dem Jungen sitzen?" fragt Frau Haderer und zeigt auf Martin. "Nö", sagt Elsie sofort, "auf keinen Fall." Und nach einer Pause erklärt sie: "Ich bin nämlich allergisch gegen Stroh." Frau Haderer ist ein wenig verdutzt.
Bevor sie Elsie aber jetzt den Platz neben Susi anbietet, schnellt Johannas Finger in die Höhe. Aufgeregt redet sie los. "Frau Haderer", sprudelt es aus ihr heraus, "ich hab' eine Idee. Hier in dieser Reihe rutschen alle einen Platz weiter. Dann ist der Stuhl neben mir frei. Dann kann Elsie neben mir sitzen." Johanna ist atemlos vom schnellen Sprechen, vor Spannung und vor Überraschung über sich selbst, dass sie sich getraut hat, so einen Vorschlag zu machen.
Da kann Frau Haderer nicht nein sagen. Die anderen Mädchen haben schon angefangen, ihre Sachen umzuräumen. Sie finden Johannas Idee gut. Minutenlang reden alle durcheinander, Stühle werden gerückt, Ranzen schurren über den Boden, Hefte und Stifte fallen vom Tisch. Nur Johanna und Elsie sitzen still inmitten der Unruhe und sehen sich an. Dann beginnen sie, miteinander zu reden, leise, die Köpfe nah beisammen.
"He, seht mal!" ruft plötzlich Alexander in den Raum, "die sind ja ein Liebespaar!" Alle gucken Johanna und Elsie an. Johanna zuckt zusammen. Warum muss immer irgend jemand etwas Hässliches sagen oder machen, wenn es gerade so schön ist. Elsie verschränkt ihre Arme vor der Brust.
"Ein Liebespaar?" fragt sie und guckt Alexander herausfordernd an. "Bist wohl neidisch, was?" Alexander wird rot. Einige lachen. Elsie breitet ihre Arme aus. "Klar sind wir lieb. Und ein Paar sind wir auch", sagt sie. "Ein paar liebe Mädchen, oder etwa nicht?" Und dann umarmt Elsie Johanna, vor der ganzen Klasse. Sie drückt sie und lacht. Johanna sagt gar nichts. Johanna ist einfach nur glücklich.
"Ein Alltagsthema vor der Frankfurter Kulisse; sensibel, beispielhaft erzählt, differenziert
es auch das Täter-Opfer-Motiv."
ekz-Besprechungsdienst
"Ein ernstes, oft trauriges, aber am Ende hoffnungsvoll stimmendes Buch, das aus der Sicht von
Johanna unsere Welt zeigt. ... Gleichzeitig ist es eine notwendige Lektüre für stressgeplagte
Eltern mit der Botschaft: Nehmt euch Zeit für eure Kinder, lasst sie mit ihrem oft überwältigenden
Kummer nicht allein."
Eselsohr