Regina Rusch: Die paar Kröten!

Regina Rusch: Die paar Kröten!"Die paar Kröten!", sagt Anna verächtlich und meint die fünf Euro für einen neuen Tuschkasten. Aber für Vivi ist das unerschwinglich. Seit ihr Vater arbeitslos ist, muss sie jeden Cent dreimal umdrehen. Überhaupt: Anna hat keine Ahnung, wenn sie behauptet, Arbeitslose seien Faulpelze und Drückeberger. Dabei war Anna mal ihre beste Freundin. Doch das ist vorbei.
Vivi lässt sich trotzdem nicht unterkriegen. Ihre Fantasie hilft ihr dabei, in ihren Träumen genau so wie im richtigen Leben. Sie ist ganz sicher: Irgendwann kommt es - das große Glück! eines Tages trifft sie die alte Frau Vierzehn, die ihr ein Geheimnis verrät...

Erzählung ab 10 Jahren Omnibus-Taschenbuch Verlag, 2005 ~ ISBN: 3-570-21463-X

Verlagslink: www.randomhouse.de/kidsandteens

Externer Links: www.menschenrechte-in-der-Schule.de/reginarusch

Unterrichts-Erarbeitung zu "Die paar Kröten!"

Leseprobe:

"Jetzt wohnen wir hier", sagte Vivi unvermittelt und deutete auf die Kastanie hinter sich. "Da oben über der Krone." Sie ließ die Schuhsohle wieder auf und zu schnappen. "Anna spielt jetzt immer mit Nicole." Frau Vierzehn knüllte die leere Kirschtüte zusammen und stopfte sie in ihren Einkaufsbeutel.

"Anna?" fragte sie nach, "Also wer ist Anna?" Vivi überlegte. Noch vor drei Wochen hätte sie die Antwort sofort gesagt, wie aus der Pistole geschossen. Meine beste Freundin, hätte sie gesagt. Das war immer so gewesen, immer, immer, immer. Aber ist jemand die beste Freundin, wenn sie so gemeine Sachen sagt? Nicht über Vivi, das nicht. Aber über Papa. Vivi kaute auf ihrer Unterlippe, innen, wo der kleine Pickel war.

Wenn sie genau war, musste sie zugeben, dass Anna nichts Gemeines über Papa persönlich gesagt hatte. Sie hatte seinen Namen nicht genannt. Aber sie hatte ihn gemeint! Ihn und die anderen, die manchmal am Kiosk zusammenstanden und Bier tranken und redeten und nichts taten.

"Faultiere sind das", hatte Anna gesagt, "und Drückeberger, die auf unsere Kosten leben." Vivi war ganz starr gewesen vor Entsetzen. Sie hatte zuerst gar nichts sagen können. Andreas, der sonst immer so still war, hatte spöttisch gemeint, ob Anna etwa selbst Geld verdiente, das sie den Arbeitslosen geben müsste, und sie sollte nicht solchen Blödsinn reden. Und da hat Anna noch eins drauf gesetzt. "Wer Arbeit will, findet auch welche", hatte sie gesagt. Das sei jedenfalls die Meinung von ihrem Vater, und der müsste es ja wissen. Weil er nämlich immer arbeiten wollte und deshalb seinen Arbeitsplatz nicht verloren hat. Dann hatte sie Vivi angeguckt und hinzugefügt: "Wie so mancher andere."

Die Gedanken, die Vivi damals in Sekundenschnelle durch den Kopf geschossen waren, reichten von "eine runterhauen" über "einfach umdrehen und die blöde Gans stehen lassen" bis zu "erklären, wie es in Wahrheit ist". Aber der Stich, den sie in ihrem Herzen gefühlt hatte, war so heftig, dass sie nichts von all dem getan hatte.

Später, hatte sie sich vorgenommen, später rede ich mit Anna über alles! Anna würde ihren Irrtum einsehen, ganz bestimmt. Sie waren schon so lange beste Freundinnen, dass gar nichts anderes denkbar war. Alles würde wieder gut zwischen ihnen werden, so wie früher, so wie immer.

Sie fassen sich an, zählen bis drei, und los! Anna und Vivi springen zusammen in den Swimmingpool. Prustend und lachend kommen sie wieder hoch. Wer ist zuerst am Beckenrand? Vivi schluckt Wasser, muss husten. Anna hält ihr die Hand hin und zieht sie mit sich. Sie klettern die kleine Leiter hoch und wickeln sich in die weichen Badelaken. Dann rubbeln sie sich gegenseitig den Rücken trocken und kuscheln sich zusammen auf die breite Liege. Was für ein schöner Tag! Sie können reden und tratschen und Quatsch machen und immer weiß die eine schon vorher, was die andere gleich sagen wird. Oder machen wird. Oder nicht sagen und nicht machen wird.

Anna beißt auf ihre Lippen, nicht aus Verlegenheit, sondern damit sie rot werden. Vivi stößt Anna in die Seite. "Wollen wir?" fragt sie. Klar, wollen sie. Die Lippen anmalen werden sie sich und die Augenlider. Wie auf ein geheimes Kommando springen beide auf und laufen ins Badezimmer. Wimperntusche, Lidschatten, Wangenrouge, Lippenstifte sind reichlich vorhanden. Sie probieren alles aus - tolle Farben und Glitzerpuder und dick aufgetragenes Make-up. Irre! Mit den umgeschlungenen Badelaken sehen sie aus wie Mannequins. Vivi hält die Haarbürste wie ein Mikrophon. "...und jetzt der Star des Abends", ruft sie dem gedachten Publikum zu, "Hier kommt Anna!" Aber Anna will nicht Anna sein. "Ich heiße Annabelle", flötet sie. Auch gut, dann eben Annabelle.

"Erleben Sie den Auftritt der schönen Annabelle!" ruft Vivi und hält der Freundin das Haarbürstenmikrophon vor den Mund. Aber Anna ist immer noch nicht zufrieden. Arabella soll ihr Name sein. Ihre Stimme klingt ganz fremd und sie sieht auch gar nicht mehr wie Anna aus. "Anna!", ruft Vivi erschrocken.

"Ja, ja, also, Anna", sagte Frau Vierzehn, "das hab ich nun verstanden. Ist sie deine Freundin?" Vivi sah in Frau Vierzehns lächelndes Gesicht mit den dicken Brillengläsern. Sie nickte. Doch, Freundin, das war richtig, Anna war immer noch ihre Freundin. Auch wenn sie sich kaum noch trafen.