Die
Schatten vom GalgenbergPlötzlich sind sie einfach da: Unheimliche und merkwürdige Schatten, die zu niemandem gehören. Oder doch? Leon erfährt, dass auf dem Hügel ausserhalb der Stadt früher einmal der Galgen gestanden hat. Verbrecher aus der ganzen Gegend wurden dort hingerichtet. Und es heißt, dass ihre Geister keine Ruhe finden und so lange umherirren, bis sie in den Schatten eines Lebenden hineinschlüpfen schlüpfen können. Erst dann können sie sterben - und mit ihnen der Mensch, dessen Schatten sie gewählt haben. Leon und seine Freundin Laura sind den Schatten und ihrem schaurigen Geheimnis dicht auf der Spur. Aber wird es ihnen gelingen, sie zu besiegen? Eine dichte, beklemmende Geschichte von allerfeinstem Grusel.
Die süße Limo schmeckt nach nichts, ein Mann erblindet plötzlich, andere Menschen hören auf einmal nichts mehr. Und immer ist der geheimnisvolle Mann mit dem schwarzen Umhang in der Nähe. Leon und Laura entdecken, dass zwei Geister vom Adelsfriedhof ein ganzes Dorf in Angst und Schrecken versetzen: Sie wollen den Menschen die Sinne stehlen! Die beiden mutigen Freunde machen sich an die Verfolgung der dunklen Geister...
2 Gruselromane in einem Doppelband, ab 10 J., Arena 2003 ISBN 3-401-05559-3
Im Mondlicht wirkten die Äcker noch kahler, die ganze Gegend sah aus wie in einem Sciencefiction-Film, eine unwirkliche Landschaft unter einem dunklen, graublauen Gewölbe. Der Mond schien eine ungeheure Leuchtkraft zu haben, viel stärker als Leon es jemals empfunden hatte. Er bemerkte mit ziemlichem Schrecken, dass der Mond als einzige Lichtquelle weit und breit deutliche Schatten verursachte - sein Schattenbild begleitete ihn in gleich bleibender Größe und in regelmäßigem Abstand, schräg neben dem Vorderrad. Ein Radfahrerschatten mit zwei Rädern, Gepäckträger und einer dick vermummten Person auf dem Sattel, deren Kopf allerdings nicht auszumachen war.
Leons Atem ging schneller, auch wenn er sich immer wieder sagte, dass es ja sein eigner Schatten war, der neben ihm her glitt. Er versuchte, nur auf den Weg, nicht auf den Schatten zu achten, und hielt seinen Kopf gerade, blickte stur geradeaus auf die hell schimmernden Glasdächer der Gärtnerei weit vor ihm.
Obwohl der Weg längst abschüssig war, kam das Fahrrad nicht richtig in Schwung. Schwerer, immer schwerer ging es voran, Leon hatte Mühe zu treten. Hatte er den falschen Gang eingelegt? Er überprüfte den Schalthebel, nein, daran lag es nicht. Es war, als ob ihn jemand zurückhielt, als ob jemand auf dem Gepäckträger saß und mit den Füßen auf dem Boden bremste. Leon sah auf den Boden - und im selben Moment krampfte sich alles in ihm zusammen.
Hinter seinem eignen Schatten, der unverändert unter ihm dahin glitt, befand sich ein zweiter Schatten. Der Schatten eines menschlichen Körpers mit Armen und Beinen! Entsetzt drehte Leon sich um.
Wer war hinter ihm? Saß tatsächlich jemand auf seinem Gepäckträger? Aber er konnte niemanden sehen. Er sah nichts, nichts, was einen Schatten werfen könnte. Und doch folgte ihm ein Schatten.
Auf den vom Mond beschienenen Betonplatten bewegten sich lange Schattenbeine wie im Lauf, sie rannten hinter Leon her. Fuchtelnde Arme mit dürren Fingern griffen nach dem Fahrrad, nach ihm. Leon schauderte. Er trat mit aller Kraft in die Pedalen, blickte sich dabei immer wieder um. Der Schatten klammerte sich am Gepäckträger fest, versuchte, sich hinaufzuziehen, fiel wieder zurück, packte erneut nach dem Gestell.
Leon keuchte. Weiter, weiter! Die Schattenarme hielten sich am Gepäckträger fest, die Schattenbeine zappelten herum, als könnten sie mit der Geschwindigkeit nicht mithalten. Hektisch drehte Leon sich nochmals um. Der Schatten zuckte und hampelte hinter ihm her.
Wie viele Beine hatte der Schatten überhaupt? Vier, sechs, acht... Leon konnte kaum noch denken vor Panik. Nicht nur ein Schatten war hinter ihm her, mehrere waren es, viele! Völlig außer Atem, verspürte Leon für den Bruchteil einer Sekunde den Wunsch, aufzugeben. Einfach vom Fahrrad springen und stehen bleiben, um wieder Luft zu kriegen.
Doch dann nahm er alle Kraft zusammen, erhob sich vom Sattel, stand in den Pedalen und fuhr im Stehen, weil er so kräftiger treten konnte. Bloß nicht anhalten! Wenn er stehen blieb, hätten die Schatten leichtes Spiel. Leon erreichte die Gewächshäuser, jetzt vorbei an den Altglascontainern, über die kleine Kalbachbrücke, in die Talstraße. Plötzlich kam ihm der Gedanke, dass er keine Ahnung hatte, wie er sich eigentlich vor der Verfolgung der Schatten retten konnte. Wäre er im inneren eines Hauses, wäre er zuhause sicher?
An der erleuchteten Bushaltestelle stand jemand. Leon raste genau auf ihn zu. Er wollte schreien, aber nur ein krächzender Laut kam aus seinem Mund....